Es gibt die Goldmarie und die Pechmarie. Zumindest in Grimms Märchen.
Und dann gibt es noch die SandMarie. Die sitzt manchmal auf einer emiratischen Düne und lässt den Sand durch ihre Finger rinnen. So wie die Sandkörner herab, fließen dann gelegentlich Buchstaben durch ihren Sinn, welche sich zu Worten und Sätzen fügen: Über das Leben allgemein, das Leben als Expat in den Emiraten, über Menschen, Bücher (z.B. mein eigenes, s.o.), Erlebnisse....

Sonntag, 23. Oktober 2016

Neues Gesetz erlaubt Angleichung für Transgender in Abu Dhabi



Transgender in den Vereinigten Arabischen Emiraten ... Klingt im ersten Moment nicht wie etwas, was man als Betroffene/r gern erleben möchte. Das Land stellt beispielsweise Homosexualität zumindest auf dem Papier noch unter Strafe, allerdings findet eine „aktive“ Verfolgung Homosexueller oder Transsexueller in den VAE nicht statt. (man vergleiche: in Deutschland wurde der berüchtigte §175 in der BRD 1971 und in der DDR 1957 aufgehoben.)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AA_TransGender-Symbol_Plain3.svg
 
Natürlich leben viele einheimische und ausländische homosexuelle Männer und Frauen teils schon viele Jahre in den Vereinigten Emiraten - nur machen sie hier eben keine Regenbogenparaden. Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung hierzulande einfach weniger frei in der Öffentlichkeit präsentieren als in der westliche Welt. Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass auch als "konform" verstandene Männlein-Weiblein-Pärchen hier nicht vor aller Augen herumknutschen sollten, weil es als Verstoß gegen Sitte und Anstand verstanden würde.

Wie auch immer, sich im falschen Körper gefangen zu fühlen und eine äußerliche Angleichung erzielen zu wollen ist ein unter der breiten Masse im "Westen" noch nicht so lange bekanntes, hierzulande jedoch ein ziemlich neu wahrgenommenes Phänomen.

Unlängst stand in der emiratischen Tageszeitung "7Days" ein Interview mit einer emiratischen Frau, welche sich ab dem Alter von fünf Jahren bereits als im falschen Körper gefangen empfand und nun operativ eine optische Angleichung erzielen möchte.

Dazu hat sie sich - und das ist neu - rechtlichen Beistand geholt. Ali Al Mansouri hat sich ihre medizinische Akte durchgelesen. Die "Reem" genannte Frau, welche nach wie vor in Abahja zur Arbeit geht - worunter sie Männerkleidung trägt -  lebt von ihrer Herkunftsfamilie getrennt (das ist, unverheiratet, in den VAE sehr ungewöhnlich), da sie dort kein Verständnis für ihre Probleme fand. Mit Hilfe ihres Anwalts trug sie ihren Fall bei Gericht vor. Ihre Chancen stehen recht gut, denn gerade erst vor wenigen Wochen wurde das Gesetz Federal Decree No 4 of 2016 on Medical Responsibility durch den Präsidenten, Sheikh Khalifa, verabschiedet, welches neuerdings Transgender-Operationen in den VAE erlaubt.

Änderungen des Geschlechts mittels medizinischer Eingriffe werden fortan vom Gesetzesgeber unterstützt, wenn das natürliche Geschlecht einer Person unklar ist oder Untersuchungen durch Mediziner ergeben, dass die optische Erscheinung dauerhaft und eindeutig nicht mit der selbst wahrgenommenden Identität übereinstimmt.

Mädchen .... mit Bart


Ich erinnere mich einer Begebenheit. Meine Familie und ich wollten eine hiesige Konsummesse besuchen. Im Aufzug stieg eine Gruppe junger emiratischer Mädchen zu - fröhlich schnatternd; unter den schwarzen Abahjas und dem Kopftuch lugten modische Kleider, Highheels und farbenprächtiges Make-up hervor.
Ich schenkte ihnen keine große Beachtung, bis mir eine Stimme unter den Frauen auffiel: Die war ungewöhnlich dunkel. Ich warf einen genaueren Blick auf das Mädchen. Ein schmales Gesicht mit langen, getuschten Wimpern, jeder Menge Kajal und Lippgloss, wie ihre Schwestern oder Freundinnen auch. Und ... unter dem Rouge ein zarter, aber sichtbarer Bartschatten!

Ob es nun einfach ein Scherz, der gewagte Neugier-Ausflug eines Cousins in Mädchenkleidern war (nicht ganz "ohne", denn cross dressing ist in den VAE offiziell zumindest für Männer nicht erlaubt) oder aber solch ein Transgender Mann, welcher in diesem Falle als Frau leben möchte, konnte ich natürlich nicht erkennen.

Die neuen Gesetze werden Menschen mit einer sexuellen Identitätsstörung in den VAE nun zumindest das Leben etwas leichter machen. Bis zur breiten gesellschaftlichen Aktzeptanz wird es wahrscheinlich länger dauern; doch eine Diskussion in einem Zeitungsforum hier zum  Thema der Geschlechtsumwandlung der jungen Frau, um die es eingangs ging, liest sich - quer durch Nationalitäten und Konfessionen - gar nicht so viel anders, wie es eine in einem deutschen Medium heuzutage wohl würde. Es geht hoch her, ich habe einige Auszüge einmal frei übersetzt:

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Herr A: Die VAE müssen solche Mannweiber drankriegen, die verderben andere Frauen die gehören verboten oder sollten gezwungen werden normale Frauen zu werden
Herr B: Oh, so eloquent!
Frau C: Traurig, Ein Kopf ohne Hirn. *kopfschüttel*
Frau D: Ignoranz vom Feinsten!
Frau E: Möge Allah sie zu dem geleiten, was am besten für sie ist.
Herr F: Ehe ist die einzige Kur für ihre Geisteskrankheit.
Herr G: Also, falls du verheiratet sein solltest, hat das offensichtlich nicht gegen deine Geisteskrankheit geholfen. Zu glauben, andere Leute würden an psychischen Krankheiten leiden ist selbst eine. So, was sollte man mit dir machen, um dich von deiner Kranheit zu heilen?
Frau H:  Herr F, Sie brauchen dringend eine Therapie! Sofort!
Frau I: Herr A, ich überlege die ganze Zeit, was dich heilen könnte ... hab immer noch nichts gefunden

(....)

     

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