Es gibt die Goldmarie und die Pechmarie. Zumindest in Grimms Märchen.
Und dann gibt es noch die SandMarie. Die sitzt manchmal auf einer emiratischen Düne und lässt den Sand durch ihre Finger rinnen. So wie die Sandkörner herab, fließen dann gelegentlich Buchstaben durch ihren Sinn, welche sich zu Worten und Sätzen fügen: Über das Leben allgemein, das Leben als Expat in den Emiraten, über Menschen, Bücher (z.B. mein eigenes, s.o.), Erlebnisse....

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Montag, 20. März 2017

Warum Expats gerne länger in den VAE verweilen

Dubai bei Nacht - mehr als nur optisch anregend
 
"Dubai bubble", die "Blase Dubai" ist ein oft gebrauchter Begriff, der sich auch auf Abu Dhabi anwenden lässt: Gemeint ist dieses recht einmalige Konglomerat an Sprachen, Nationalitäten, Hautfarben, Herkunftskulturen in einem harmonisch wirkenden Miteinander, das bei hohem Lebensstandard den Firnis des "Schneller, Höher, Weiter" trägt, der insbesondere in Dubai mit regelmäßigen Rekorden aller Art gepflegt wird.

Eine neuerliche Studie von DIFC Wills & Probate Registry (WPR) zeigte, dass 64 % der befragten Expats, die für eine bestimmte Zeitspanne zum Leben und Arbeiten in die Vereinigten Arabischen Emirate kamen, signifikant länger als ursprünglich geplant bleiben. Natürlich zählen darunter auch tausende Syrer; Jemeniten oder Irakis, die einfach froh sind, wenn ihre Visa momentan hier einfach stillschweigend verlängert werden.
Der Großteil der "Bleiber" wird jedoch von Expats gebildet, die problemlos in ihre Heimat heimkehren könnten, sich jedoch einfach an den "bubble lifestyle" gewöhnt haben. So blieben i.d.R. die Befragten drei Jahre länger als vorgesehen. Doch immerhin jeder Zehnte von ihnen lebt bereits über 20 Jahre länger zwischen Wüstendünen, Wolkenkratzern, Wasserparks und ständig neuen Attrationen unter dem (fast) immerblauen emiratischen Himmel! Nicht zu vergessen überdies, dass die persönliche Sicherheit in diesem Land extrem hoch ist.

Emirate: hoher Freizeitwert

Lebensgefühl "Laufen und Springen"


Dass sich so viele angezogen und auch länger wohlfühlen in den VAE, hat sicher mit dieser speziellen Atmosphäre zu tun: Ständig entsteht ein neues Wohnviertel, eine neue Mall, ein neuer Park. Es ist dieses "Vorwärts"-Gefühl, das von einer leichten momentanen Stagnation in einigen wirtschaftlichen Bereichen nicht ausgebremst werden kann.
Mir sagte ein Emirati einmal: "Wir Emiraties sind es gar nicht mehr gewohnt zu gehen, um voranzukommen. Wir können inzwischen nur noch rennen und springen - immer weiter!"

Dem Holpern in der Ölbranche will das Land mit diversen Vorkehrungen begegnen, insbesondere dem Ausbau von Tourismus, Handel und erneuerbaren Energien. Unlängst hieß es aus Regierungskreisen (Kronprinz Hamdan von Dubai), dass "2016 der nicht an den Ölsektor gebunde Außenhandel der VAE 1.276 Billiarden AED erreichte. Die Fluktuationen am Weltmarkt beeinträchtigten nicht die performance in diesem Sektor (...) Handel ist nicht nur wichtig für die wirtschaftliche Diversifizierung, es ist auch ein bedeutender Teil unseres historischen Erbes."



Doch nicht nur in diesen Bereichen geht es voran. Wenn man bedenkt, das das Land noch vor 50 Jahren nicht als solches existierte und die Städte nur aus einigen Häuseransammlungen bestanden, doch heute zu den modernsten der Welt gehören, bewegt sich viel.
Die Regeln rund um den Straßenverkehr sind mittlerweile auf westlichem Niveau (mit drastischen Strafen fürs Übertreten). Und es wird für Verkehrssünder auch keinesfalls leichter. Neulich wurde vermeldet, dass die Dubaier Polizei von der Abteilung Verkehrssicherheit gerade eine neue technische Möglichkeit "ausheckt", um Fahrer mittels eines Radars dingfest zu machen, die ohne Sicherheitsgurt fahren oder aber in irgendeiner Form während des Fahrens mit ihrem Mobiltelefon "beschäftigt" sind. Ein Delikt, dass leider bei aller Gefährlichkeit nur allzu verbreitet in den VAE ist ...

Rechte von Haushaltshilfen werden gestärkt


Ministerien sorgen dafür, dass auch  Arbeitsmigranten aus sogenannten "Drittweltstaaten" hier einklagbare Rechte haben - das gilt nicht nur für Bauarbeiter etc. (ich berichtete); dieser Tage wird ein neues Gesetz verabschiedet, das die Arbeits- und Urlaubszeiten, Lohn und sonstige Grundrechte von Haushaltsangestellten eindeutiger als bisher regelt. Es liegt auf einer Linie mit der International Labour Organisations Convention 189 und der Empfehlung 201 über angemessene Arbeitsbedingungen für Haushaltshilfen.

Was möglicherweise noch weitreichender ist: 2015 wurde vom Präsidenten Sheikh Khalifa ein Anti-Diskriminierungsgesetz für die VAE verabschiedet. Darin ist festgeschrieben, dass jegliche Diskriminierung aufgrund von Religion, Herkunft, Rasse, Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit oder Kaste verboten sind.

Anti-Diskriminierungsgesetz verabschiedet


Insbesondere die Herabwürdigung jeglichen religiösen Glaubens - egal, welches! - und religiös motiverter Hass oder Beleidigung und Herabwürdigung in Wort, Schrift (z.B. soziale Medien) oder Handlung werden gesetzlich verfolgt und bestraft (Geld- und Haftstrafen bis zu zehn Jahren).

Ich frage ich mich manchmal - insbesondere, wenn ich einmal wieder in deutschen Kommentaren zu Medienberichten gelesen habe - warum ausgerechnet HIER so ein Gesetz bekräftigt und unterstrichen wird? Während mir in den sozialen Medien meines Heimatlandes, das diese Dinge längst im Grundgesetz verankert hatte, Beleidigung und Hass auf andere, Andersartige, Andersdenke, anders Betende,.... seit einiger Zeit wie Unrat nur so entgegenquillt, habe ich in fast 5 Jahren meines Lebens in den VAE noch nicht ein einziges Mal auch nur ansatzweise erlebt oder bemerkt, dass hier die Leute aus über 200 Nationen übereinander herziehen, sich vollpöbeln, böse Blicke zuwerfen oder gar tätlich werden - bei so viel geballter "Andersheit" auf den Straßen gäbe es da viele (vorgebliche) Gründe!

Zum besonderen "spirit", der zum Leben in den Vereinigten Arabischen Emiraten positiv beiträgt, müsste man sicherlich auch die oft originellen und realitätsorientierten Aktionen der Regierenden zählen, speziell Sheikh Mohammed bin Rashid al Maktum von Dubai trägt dazu kräftig bei.

So müssen auf seine Initiative hin neuerdings jugendliche Raser, welche auf öffentlichen Straßen gefährliche Motorrad-Stunts vollführen oder sich gar nächtliche Autorennen liefern und damit die Sicherheit aller attakieren, zur "Strafe" - ausgestattet mit orangener Weste - die Gehwege der Metropole reinigen. Die Bilder der Aktion wurden in den sozialen Medien zig-fach geteilt und zustimmend kommentiert

Strafdienst im Zoo für Grausamkeit. https://twitter.com/DXBMediaOffice/status/841985112623456257?ref_src=twsrc%5Etfw
 
Eine andere Zeitungsmeldung erreichte vorige Woche sogar deutsche Medien: Schnell hatte sich im Internet ein grauenvolles Handy-Filmchen verbreitet, das insgesamt drei Männer zeigte, welche eine lebendige, eingesperrte Katze - offensichtlich einem extra darauf scharf gemachten - Rottweilern zum Zerfleischen gaben. Diese Tierquäler wurden innerhalb kurzer Zeit polizeilich dingfest gemacht
Sheikh Mohammed erklärte, dass sie mit diesem "bestialischen Akt grundlegende menschliche Regeln missachtet sowie muslimische Werte verletzt" hätten. Er verfügte, dass sie nun drei Monate lange jeden Tag den Zoo Dubai putzen müssen.

Global Teacher Prize


Sicher tragen solche schnellen und eingängigen Aktionen der Regierung zur Verbundenheit der ständig oder zeitweise hier lebenden Bevölkerung bei. Natürlich gibt es aber auch erfreuliche Anteilnahme anderer Art. Als Beispiel sei genannt, dass gestern die kanadische Lehrerin Maggie Mac Donnell von Sheikh Mohammed bin Rashid al Maktum mit dem auf eine Million US-Dollar dotierten Global Teacher Prize in Dubai geehrt wurde. Die Jury zeichnete die Pädagogin für ihre vorbildliche Arbeit mit Schülern in der kanadischen Arktis aus. Marie-Christine Ghanbari aus dem Münsterland schaffte es als erste Deutsche unter die zehn Finalisten. (Wie, erzählt sie hier im Interview.) Beworben hatten sich mehr als 20.000 Lehrer aus 179 Ländern bei der Varkey Foundation, die jährlich den Preis vergibt.

Maggie MacDonnell mit Scheich Mohammed Bin Raschid Al Maktum bei derVerleihung des Global Teacher Prize in Dubai  (Foto: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/bild-1139485-1120102.html)

Dubais Herrscher: Spaziergänge in der "Masse"


Klar, solche internationalen Anlässe in die VAE zu holen und o.g. Auftritte diverser Art sind nicht zuletzt für die emiratischen Emire auch medienwirksam und PR-Arbeit im eigenen Interesse. Doch stets fällt einem insbesondere als Nicht-Emirati auf, wie volksnah die "Könige" hierzulande unterwegs sind.

Der 2004 verstobene Staatsgründer, Sheikh Zayed bin Sultan Al Nahyan, ist ein geradezu legendäres Beispiel dafür. Regelmäßig hört man hier Geschichten von Leuten, die ihm zu Lebzeiten persönlich begegnet sind, weil er eigentlich ständig in seinem Land, unter seinen "Schäfchen" unterwegs war und mit den Menschen ins Gespräch kam.

Auch die heutigen Regierungschefs knüpfen an diese emiratische Tradition an. Wer "Scheich Mo", wie ihn seine Bevölkerung liebevoll nennt, noch nicht selbst in Dubai begegnet ist, kann regelmäßig in den sozialen Medien erleben, wie er "inkognito" (aber natürlich erkennt man ihn überall) in Shopping Malls, auf Festivals, zum Essen mit einigen Verwandten und Freunden in öffentlichen Cafés sich unters Volk mischt (hier ein Clip, wie er in einem vollbesetzes Café an der Dubai Mall Platz nimmt).

Auch der "König" wartet an der Ampel auf Grün


Vor wenigen Tagen machte ein Clip die Runde, wie der Herrscher von Dubai sowie Premieminister und Vizepräsident der VAE zu Fuß mit einigen Emiratis geduldig an einer belebten Ampelkreuzung auf Grün watete (Video hier). Ein Schelm, wer Arges dabei denkt - natürlich auch hier eine geschickt platzierte PR.

Dennoch - interessant fand ich den Kommentar eines Inders darunter, welcher zu bedenken gab: "Wie erfrischend natürlich! Wenn in Indien ein Politiker von A nach B will, sind stundenlang alle Straßen gesperrt!" Das kann ich in Erinnerung an viele, viele Warteminuten - damals, während unserer Jahre in New Delhi - auf polizeilich für "hochrangige Personen" abgesperrten Kreuzungen nur bestätigen ...
By the way ... wie leicht kommt man eigentlich ohne Voranmeldung an hochrangige bundesdeutsche Politiker im täglichen Leben "heran"?

Die VAE feiern jegliche internationalen "großen" Feste


Zum guten Schluss. Was ist es, was es den hiesigen vielen Expats so leicht macht, ihre Verträge verlängern zu wollen  - neben Sonne, Sand, Entertainment und persönlicher Sicherheit? Es gibt einfach ein gutes, ein "willkommenes" Gefühl, wenn im islamischen Land VAE vor Weihnachten überall die Weihnachtsdekorationen, weihnachtliche Märkte und Kulturveranstaltungen sowie Christmetten das entsprechende, von daheim gewohnte "Flair" verbreiten.
Vor Diwali kann sich die hinduistisch geprägte Gast-Bevölkerung über entsprechenden Zierrat in den Malls freuen; großartig und farbenprächtig wird für die fernöstlichen Expats das chinesische neue Jahr begangen!

Hotel Burj al Arab in "irischem" Grün am 17.3. anlässlich des St. Patricks Day

Vorigen Freitag, am 17. März, erstrahlten alle wichtigen Gebäude hierzulande in sattem Wiesengrün - vom Burj al Arab über den Burj Khalifa in Dubai bis hin zum Hotel Yas Viceroy oder dem "Schiefen Turm", dem Capital Gate, in Abu Dhabi.
Wer sich nun vielleicht fragt, warum an diesem Tag alles knallgrün aussah - da er oder sie vielleicht weder mit Irland noch mit den VAE vertraut ist: Ganz einfach. Der 17. März ist St. Patricks Day! Dieser Tag wird in der römisch-katholischen Kirche zu Ehren des Heiligen Patrick begangen, und insbesondere von den Iren, als deren Schutzpatron der Heilige gilt. Da Grün die irische Nationalfarbe ist, erstrahlt also für die irischen Landsleute in den VAE an "ihrem" Tag alles in dieser Farbe.
Man bedenke: Es ist der Tag eines katholischen Heiligen, welcher unter den Iren meist mit sehr viel Bier etc. gefeiert wird ... und das mit Einverständnis und Fürsorge des islamischen Gastlandes.

Nicht überall auf dieser Welt fühlt man sich als Ausländer in seiner "Anderartigkeit", mit seinen heimatlichen Bräuchen und Festen so akzeptiert und umsorgt, wie in den Vereinigten Arabischen Emiraten ... Das macht es logischerweise schwerer, diese zu verlassen.


Dienstag, 1. November 2016

+ + + Breaking: Bücherlesen während der Arbeitszeit per Dekret erlaubt + + +


Ich glaube so langsam - wer hätte das je gedacht - ich würde eigentlich lieber ganz in den VAE wohnen bleiben, wenn ich könnte (was visa-technisch aber nicht so ist).

Was ist das aber auch für ein Schlaraffenland für einen so passionierten "Leser" wie mich (ja, auch Schreiber ...), in welchem man quasi per Gesetz erlaubt bekommt, während seiner offiziellen Arbeitsstunden Bücher lesen zu dürfen?!



Klar, sicher ist damit nicht unbedingt der Liebes- oder Fantasy-Schmöker gemeint; es geht hier mehr um fachrelevante Lektüre; dafür soll extra Zeit bereitgestellt werden. Dennoch klingt auch das in meinen Ohren verlockend.
Überhaupt sollen Gebühren und Steuern für das Publizieren, Drucken und Vertreiben von Lesematerial eingestampft werden - und hingegen diese Branchen zusätzlich unterstützt: Bücher aller Art werden von Steuern befreit!


Sheikh Mohammed bin Rashid, Vize-Präsident der VAE, Prime Minister and Herrscher von Dubai, hat gestern in einem Tweet davon gesprochen, dass dieses neue Gesetz "das kulturelle Image von Büchern in der Gesellschaft konsolidieren soll und Schulen dazu verpflichtet, einen jährlichen Plan aufzustellen, um Lesen unter den Schülern zu fördern. Gebrauchte Bücher dürfen nicht zerstört werden, sondern sollen statt dessen gepflegt, wiederverwendet oder gespendet werden. Dieses Gesetz will den privaten Sektor der Wirtschaft ermutigen, in die Einrichtung von Bibliotheken und Kulturzentren zu investieren. Dies wird unterstützt werden, indem dem Privatsektor Einrichtungen, Anreize und Discounts zur Verfügung gestellt werden."

Das neue Gesetz, welches von Sheikh Khalifa erlassen wurde, kommt nicht von ungefähr.
Die Initiative findet sich in diesem Jahr im Zuge des "Emiratischen Lesejahrs" 2016. Studien hatten ergeben, dass das Bücherlesen in der Bevölkerung des Landes, speziell auch unter der Jugend, vergleichsweise stark unterrepräsentiert ist.
Die Regierung will dieser unguten Entwicklung mit vermehrtem Engagement entgegenwirken. Beispielsweise auch mit der "Arab Reading Challenge" soll das Lesen als Kulturtechnik unter Schulkindern angefeuert und tiefer etabliert werden.

Sheikh Maktoum hat zudem angekündigt, dass alle Neugeborenen-Familien eine ‘Knowledge Briefcase’geschenkt bekommen - eine Mappe mit kindgerechtem Lesematerial, um das häusliche Vorlesen zu fördern.

Montag, 29. August 2016

Zurück, bei der Arbeit! Peinlich, wenn nicht ...


Zurück im Alltag. Oder, wie unlängst jemand sagte: "Na, schon Schalter umgelegt?!"

Ja, genauso könnte man das Gefühl beschreiben, das ich jedes Mal habe, wenn ich von hier zum zweimonatigen Sommeraufenthalt nach Deutschland aufbreche. Oder aber dann wieder herkomme: Schalter umlegen. Während ich dort wenig übers "hier" nachgrübele, denke ich hier nicht ständig an mein Leben in der alten Heimat. Jeweils dort, wo ich bin, BIN ich!


Zurück am Schreibtisch ... (nicht meiner!) *

Wahrscheinlich kann das nur jemand wirklich nachvollziehen, der ein ähnliches Leben führt - woher kämen sonst auch noch nach fast zwanzig Jahren immer wieder die gleiche Fragen (allesamt aus Deutschland): "Na, schon wieder eingelebt?"
Nein, ich kann mich weder hier noch da 'ein'leben, denn sobald ich die jeweilige Passkontrolle am Flughafen hinter mir habe, wohne ich ja dort, bin ich ja daheim da... in der Geburts- oder eben auch Gast-Heimat. Was manchmal, sobald man darüber nachsinnt, das surreale Gefühl beschert, dass man zwei parallele Leben hat.

Also - zurück in Abu Dhabi und am Schreibtisch (dazu beim nächsten Mal mehr).
Die Koffer sind ausgeräumt. Die Klimaanlagen funktionieren inzwischen wieder alle, der - noch - arg vertrocknet aussehende Garten erholt sich hoffentlich bald. Wäsche gewaschen, Kühlschrank gefüllt. Alte Freunde hier sind begrüßt, "neue alte" (aus Libyen-Zeiten), frisch um die Ecke eingezogen, sind willkommen geheißen.

Seit gestern stecken die Kinder in ihren jeweils neuen Schuljahren. Ja, noch immer wundern sich - verständlicherweise - Leute in Europa, wenn für Kinder (und Eltern) hierzulande sonntags um sechs der Wecker klingelt, weil Schule oder Arbeit es verlangen. Nun, in islamischen Ländern hat man eben freitags und samstags frei - und daher ist unser Sonntag hier nichts anderes als ein verkleideter "Montag"...


Der Scheich stand morgens vor leeren Behörden-Arbeitplätzen ...


A propos frühes Aufstehen an Sonntagmorgenden (die eigentlich gefühlte Montage sind...): Sheikh Mohammed Bin Rashid Al Maktoum, der Vizepräsident der VAE und gleichzeitig Regent des Emirats Dubai, welcher sowohl bekannt ist für seine gigantischen Projekte (u.a."Marsmission") als auch für seine Volksnähe, machte gestern Morgen (Sonntag eben!) einmal zum offiziellen Arbeitsbeginn eine unangekündigte Stippvisite in diversen Dubaier Behörden.

Allerdings war - anders als bei einem weiteren Besuch auf dem Airport - dort niemand da, um seine Hoheit mit Datteln und kahwa zu begrüßen, dem traditionellen Kardamom-Kaffee, der Gästen stets gereicht wird. Geschweige denn, ihn über die aktuellen Arbeiten zu informieren. Grund: Sheikh Mohammed war (samt Kamerateam) ganz allein in den Büros!

Zwar wurden die Namen der blau-machenden Manager offiziell nicht genannt, doch der Kommentar aus Sheikh Mohammeds Stab dazu war eindeutig: "Pünktlichkeit hat bei den Leuten an der Spitze zu beginnen. Wir werden nicht zuerst die Angestellten zur Verantwortung ziehen, wenn nicht einmal ihre Vorgesetzten pünktlich anwesend sind!"

Wie der Zeitungsbericht erahnen ließ, hat es an einigen Manager-Schreibischen in Dubai nachher gestern wohl (sicherlich mehr als nur) "rote Köpfe" gegeben!

 Nachtrag vom 30.08.3016 - die Konsequenzen


Einen Tag später. Ja, im übertragenen Sinne sind die roten nun tatsächlich auch gerollte Köpfe. Aufgrund des Vorfalls hat Sheikh Maktoum die betreffenden Manager entlassen. Im Zuge seiner Initiative, der Dubaier Community hervorragende Dienstleistungen zu bieten und auch der neuen Generation junger Führungskräfte eine Chance zu geben. Im heutigen Zeitungsartikel sind alle Entlassenen mit Namen und Position benannt.



* https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b2/Schreibkabinett_18_Jh_rem.jpg

Dienstag, 31. Mai 2016

Ein Haus aus dem Drucker



Fiktives Gespräch; vielleicht übermorgen, in Dubai. Treffen sich zwei alte Bekannte:

"Du, sag mal, hattest du nicht erzählt, du willst bald umziehen?"

"Stimmt. Nächste Woche wahrscheinlich. Momentan steckt das Haus ja noch im Drucker! Aber wenn's dann bisschen getrocknet ist, ziehe ich ein."
 
Sheikh Mohammad Bin Rashid Al Maktoum, Vize-Präsident und Prime Minister der VAE und Herrscher von Dubai bei der Einweihung des ersten voll funktionsfähigen Gebäudes, das in einem 3D-Drucker hergestellt wurde.          Foto:http://gulfnews.com/news/uae/government/world-s-first-3d-printed-building-in-dubai-1.1833450   
 
Klingt wie aus einem heiteren Science-fiction-Roman? Vielleicht. In Dubai ist man diesem Phänomen wieder einmal etwas näher als anderswo....

Dass seit einigen Jahren - erst ganz winzige, inzwischen auch schon etwas größere - Objekte mittels 3D-Drucker produziert werden können, liest oder sieht man ja immer mal wieder. Doch gleich ein ganzes Gebäude auszudrucken ist dann wohl doch so eine Art Meilenstein in dieser noch jungen Technik.

Anfang des Monats wurde dieses Bürohaus vom Herrscher von Dubai, Sheikh Mohammed Bin Rashid Al Maktoum, eingeweiht. Nur 17 Tage hat sein Bau.... äh Druck gedauert! Es ist voll funktionsfähig, denn die übliche Ausstattung mit Wasser, Strom, Telekommunikationstechnik und - hier wichtig - natürlich Aircondition wurde bei der Herstellung berücksichtigt. Auch die Inneneinrichtung wurde am 3D-Drucker erstellt. Alles energiesparend, versteht sich.  Als Materialien verarbeitete man Spezialbeton, Glassfiber, Spezialgips sowie fiber-verstärktes Plastik.

Das gewaltige Druck-Gerät inklusive eines automatischen Roboterarms musste logischerweise entsprechend groß sein: 6 m hoch, 37 m lang und 12 m breit. Also nicht gerade das, was man sich auf den heimischen Schreibtisch stellt.... 
In diesem Artikel der "Gulf News" findet man ein Video über das Prozedere.

Zu besichtigen ist das so ungewöhnlich errichtete Gebäude eine Zeitlang auf dem Gelände der Dubaier Emirates Towers. Die Organisation dahinter: Die "Dubai Future Foundation" unter der Patronage vom Sheikh Maktoum; ein zugehöriges "Museum of the Future" ist bereits im Bau - noch herkömmlich.

Als Innovationen preisen die Köpfe hinter diesem riesigen 3D-Druck-Projekt im Hinblick auf mögliche, ähnliche Zukunftsunternehmungen, dass man die "Bau"zeit um 50-70%, die Lohnkosten um 50-80% und den Arbeitsabfall um 30-60% reduzieren kann.

Vielleicht ist das, was wir jetzt bestaunen, irgendwann Alltag? Ob es künftig keine Bauarbeiter und -ingenieure mehr geben wird - nur noch die neue Berufsbezeichung "Baudrucker"?! Ich bin gespannt.




Sonntag, 13. Dezember 2015

Die emiratische "Lesekrise" und ihre Kinder


Scheikh Maktoum als Lesevorbild: http://static.gulfnews.com/polopoly_fs/1.1585317!/image/3981837716.jpg_gen/derivatives/box_620347/3981837716.jpg

In allen erdenklichen Bereichen mögen die Arabischen Emirate die Größten, Besten, Innovativsten sein; Rekorde um Rekorde... In einem Bereich stellen sie jedoch unter den Industrienationen wohl eher ein traurigen Negativrekord auf: Während die durchschnittliche Lesezeit, welche Kinder in westlichen Ländern mit dem Schmökern in Bücher und Zeitschriften pro Jahr verbringen, auf immerhin 12.000 Minuten berechnet wurde, sind es für die VAE gerade einmal ganze SECHS Minuten, fand die Arab Thought Foundation heraus! Gerade genug vermutlich, um den Titel oder die Rückseite von vier, fünf Büchern zu lesen.....

In einer anderen Studie der Arab League sind die Emiraties unter anderen arabischen Staaten die fünftplatzierten, wenn es um (erwachsene) Leser und den Umfang ihrer Freizeitlektüre geht - hinter Bahrain, Ägypten, Marokko und dem Irak. Kein Ruhmesblatt, denn hier messen sich die sonst so hochentwickelten Emirate mit einem Zwergstaat, zwei von Armut und Analphatetismus gezeichneten sowie einem kriegszerrissenen Land....

"Lesen öffnet den Geist und unterstützt Toleranz, Offenheit und Zusammenarbeit.... es ist Grundfeste zivilisierter Nationen, welche nicht extremistisch und rigide sind", äußerte sich Scheich Khalifa, Präsident des Landes dazu - und man kann vermuten: einigermaßen besorgt.

Auch Rashid Al Maktoum, Vizepräsident und Prime Minister der VAE sowie Herrscher des Emirates  Dubai, schrieb unlängst in einem Tweet: "Wir sehen uns in der arabischen Welt einer Lese-Krise gegenüber. Wir müssen die junge Generation zum Lesen bringen, wenn wir einen Weg des Wachstums und des Wissens beschreiten wollen!"


Folglich hat die Regierung das Jahr 2016 zum "Emiratischen Lesejahr" (Arab Reading Challenge) ausgerufen. Auf seiner Facebook-Seite ermuntert Scheich Maktoum Kinder, "bis zu 50 Bücher pro Jahr außerhalb der Schullektüre zu lesen".

Es wird wohl noch eine Generation dauern, bis solche Ziele tatsächlich weiträumig umgesetzt sind. Denn wenn man sich hierzulande umsieht: Zwar ist die alljährliche Buchmesse in Abu Dhabi sehr gut besucht. Doch Leihbibliotheken finden sich eher nur im schulisch-universitären Umfeld. Buchläden gibt es einige  - doch das englische Buchangebot dort übertrifft das arabische vielfach. Außerdem stehen viel mehr Sach- als schöngeistige Bücher in den "arabischen" Regalen. Auch Kinderbücher findet man fast ausschließlich aus dem Disney-Umfeld. Es soll ja emiratische Märchenbücher geben - ich bin aber nun schon seit Monaten vergeblich "auf der Jagd" nach welchen!

Während in der westlichen Welt vor allem Kulturpessimisten den Untergang der Buchkultur zugunsten von "Wisch- & Klick" auf Smartphones und Tables befürchten, scheint man auch in dieser Beziehung in den VAE den Westen längst überholt zu haben. Ich kann mich nicht entsinnen, hier jemals in der Öffentlichkeit jemanden gesehen zu haben - lesenderweise mit einem Buch oder einer Zeitung in arabischer Sprache...

Es ist erfreulich, wenn man Scheich Maktoum zwischen kleinen Kindern als Vorbild ins Buch vertieft sieht (s. o. im Bild). Die Regel ist so etwas wohl nicht. Und da Kinder viele Gewohnheiten und Kulturtechniken vor allem zu Hause, in ihrer Familie durchs Nachmachen erlernen, lesende Eltern unter den Emiraties jedoch derzeit eine Minderheit darstellen, liegt da wohl noch ein langer Weg vor den Landesvätern...