Es gibt die Goldmarie und die Pechmarie. Zumindest in Grimms Märchen.
Und dann gibt es noch die SandMarie. Die sitzt manchmal auf einer emiratischen Düne und lässt den Sand durch ihre Finger rinnen. So wie die Sandkörner herab, fließen dann gelegentlich Buchstaben durch ihren Sinn, welche sich zu Worten und Sätzen fügen: Über das Leben allgemein, das Leben als Expat in den Emiraten, über Menschen, Bücher (z.B. mein eigenes, s.o.), Erlebnisse....

Sonntag, 13. Dezember 2015

Die emiratische "Lesekrise" und ihre Kinder


Scheikh Maktoum als Lesevorbild: http://static.gulfnews.com/polopoly_fs/1.1585317!/image/3981837716.jpg_gen/derivatives/box_620347/3981837716.jpg

In allen erdenklichen Bereichen mögen die Arabischen Emirate die Größten, Besten, Innovativsten sein; Rekorde um Rekorde... In einem Bereich stellen sie jedoch unter den Industrienationen wohl eher ein traurigen Negativrekord auf: Während die durchschnittliche Lesezeit, welche Kinder in westlichen Ländern mit dem Schmökern in Bücher und Zeitschriften pro Jahr verbringen, auf immerhin 12.000 Minuten berechnet wurde, sind es für die VAE gerade einmal ganze SECHS Minuten, fand die Arab Thought Foundation heraus! Gerade genug vermutlich, um den Titel oder die Rückseite von vier, fünf Büchern zu lesen.....

In einer anderen Studie der Arab League sind die Emiraties unter anderen arabischen Staaten die fünftplatzierten, wenn es um (erwachsene) Leser und den Umfang ihrer Freizeitlektüre geht - hinter Bahrain, Ägypten, Marokko und dem Irak. Kein Ruhmesblatt, denn hier messen sich die sonst so hochentwickelten Emirate mit einem Zwergstaat, zwei von Armut und Analphatetismus gezeichneten sowie einem kriegszerrissenen Land....

"Lesen öffnet den Geist und unterstützt Toleranz, Offenheit und Zusammenarbeit.... es ist Grundfeste zivilisierter Nationen, welche nicht extremistisch und rigide sind", äußerte sich Scheich Khalifa, Präsident des Landes dazu - und man kann vermuten: einigermaßen besorgt.

Auch Rashid Al Maktoum, Vizepräsident und Prime Minister der VAE sowie Herrscher des Emirates  Dubai, schrieb unlängst in einem Tweet: "Wir sehen uns in der arabischen Welt einer Lese-Krise gegenüber. Wir müssen die junge Generation zum Lesen bringen, wenn wir einen Weg des Wachstums und des Wissens beschreiten wollen!"


Folglich hat die Regierung das Jahr 2016 zum "Emiratischen Lesejahr" (Arab Reading Challenge) ausgerufen. Auf seiner Facebook-Seite ermuntert Scheich Maktoum Kinder, "bis zu 50 Bücher pro Jahr außerhalb der Schullektüre zu lesen".

Es wird wohl noch eine Generation dauern, bis solche Ziele tatsächlich weiträumig umgesetzt sind. Denn wenn man sich hierzulande umsieht: Zwar ist die alljährliche Buchmesse in Abu Dhabi sehr gut besucht. Doch Leihbibliotheken finden sich eher nur im schulisch-universitären Umfeld. Buchläden gibt es einige  - doch das englische Buchangebot dort übertrifft das arabische vielfach. Außerdem stehen viel mehr Sach- als schöngeistige Bücher in den "arabischen" Regalen. Auch Kinderbücher findet man fast ausschließlich aus dem Disney-Umfeld. Es soll ja emiratische Märchenbücher geben - ich bin aber nun schon seit Monaten vergeblich "auf der Jagd" nach welchen!

Während in der westlichen Welt vor allem Kulturpessimisten den Untergang der Buchkultur zugunsten von "Wisch- & Klick" auf Smartphones und Tables befürchten, scheint man auch in dieser Beziehung in den VAE den Westen längst überholt zu haben. Ich kann mich nicht entsinnen, hier jemals in der Öffentlichkeit jemanden gesehen zu haben - lesenderweise mit einem Buch oder einer Zeitung in arabischer Sprache...

Es ist erfreulich, wenn man Scheich Maktoum zwischen kleinen Kindern als Vorbild ins Buch vertieft sieht (s. o. im Bild). Die Regel ist so etwas wohl nicht. Und da Kinder viele Gewohnheiten und Kulturtechniken vor allem zu Hause, in ihrer Familie durchs Nachmachen erlernen, lesende Eltern unter den Emiraties jedoch derzeit eine Minderheit darstellen, liegt da wohl noch ein langer Weg vor den Landesvätern...

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