Es gibt die Goldmarie und die Pechmarie. Zumindest in Grimms Märchen.
Und dann gibt es noch die SandMarie. Die sitzt manchmal auf einer emiratischen Düne und lässt den Sand durch ihre Finger rinnen. So wie die Sandkörner herab, fließen dann gelegentlich Buchstaben durch ihren Sinn, welche sich zu Worten und Sätzen fügen: Über das Leben allgemein, das Leben als Expat in den Emiraten, über Menschen, Bücher (z.B. mein eigenes, s.o.), Erlebnisse....

Montag, 9. Februar 2015

Seekuh-Rippchen vom Grill. Archäologie in den VAE


Alle Fotos in diesem Beitrag: Präsentation von Dr. Beech am 3.2.2015


Ur- und Frühgeschichte in den Arabischen Emiraten. Hmmm. Gab es da denn hier irgend etwas - außer Sand und Muscheln vielleicht?

Dass z.B. solch eine Vorstellung komplett falsch ist, kann man u.a. auf Vorträgen, Ortsbegehungen und Treffen der Emirates Natural History Group (ENHG) erfahren, einer Non-Profit-Organisation, welche Interessenten auf den Feldern der Geschichte und Natur der Emirate vereint.

Unlängst besuchte ich einen Vortrag von Dr. Mark Jonathan Beech, dem "Head of Coastal Heritage and Palaeontology, in the Historic Environment Department at the Abu Dhabi Tourism and Culture Authority".
Fast auf den Tag genau 21 Jahre war es an diesem Abend her, erzählte er, dass er für archäologische Untersuchungen auf die Insel Sir Bani Yas gekommen war, die zu Abu Dhabi gehört. Für ganze zwei Monate!.... Man kann sicher behaupten, dass jemand, der einen ursprünglichen Arbeitsauftrag um fast 21 Jahre (bisher!) "überzogen" hat, von seiner Sache begeistert ist und hinlänglich Ahnung hat.
Diese teilte er denn auch lebhaft und informativ mit ca. 60 Interessenten, welche sich zu seinem Vortrag eingefunden hatten.

Dr. Beech beim Vortrag

Vor 8 Millionen Jahren, im Miozän, war die Küste von Ruwais kein öder Haufen Sand wie heute. Hatten Sie schon einmal die Gelegenheit, eine ostafrikanische Savanne zu besuchen - oder haben Sie Dokumentarfilme über diese Landschaften gesehen? Genau so sah es zu jener Zeit hier aus, in den VAE! Stellen Sie sich vor, wie im Schatten Akazien-artiger Bäume - entlang der damals vorhandenen Flüsse und Bäche - urzeitliche Elefanten, Nashörner und Flusspferde einherstampften und sich einen Weg bahnten zwischen Gazellenherden, Gruppen von Giraffen, Affen, Hyänen und Pferden, aber auch Säbelzahntigern und Krokodilen!

Bis vor ca. 12.000 war diese von zahlreichen Tierarten vielbewohnte Küste aber auch noch gar keine Küste! Der Persische Golf entstand erst aufgrund des Abschmelzens der Eismassen in Anschluss an die Eiszeit - bis dahin war er eine von Flüssen durchzogene, fruchtbare Tiefebene gewesen. Man konnte zu jener Zeit also trockenen Fußes vom heutigen Abu Dhabi nach dem Iran hinüberwandern...
Und solche Wanderungen sind nicht nur ein Gedankenspiel. Man kann man sich gut vorstellen, dass auch davor bereits steinzeitliche Jäger und Sammler durch diese grüne Ebene schweiften.

Allererste Spuren menschlicher Besiedelung fand man immerhin bei Jebel Barakah: 150.000 Jahre alte Steinwerkzeuge aus der mittleren Steinzeit, mit welcher unsere Vorfahren ihre Alltagsarbeiten verrichteten. Wie Funde bezeugen, aßen die damaligen Bewohner sehr gern gegrillte "Rippchen" von der Seekuh...

Allzweckwerkzeug aus der Steinzeit, gefunden am Jebel Barakah

Einen Aufschwung fand die Bevölkerung offenbar im 4. Jahrtausend v. Chr., während der Kupfer- bzw. Bronzezeit. In einer Periode, als es auf der Arabischen Halbinsel noch gar keine Kamele gab, sondern der Transport des Kupfers und der schon damals von Perlentauchern heraufgeholten, in den angrenzenden Gebieten sehr begehrten Perlen mittels Maultieren vonstatten ging! Kamele wurden nämlich hier erst etwa 2000 Jahre später heimisch...

In zahlreiche damalige Siedlungen auf dem Gebiet der heutigen Emirate fanden sich Keramikwaren der mesopotamischen Obeid-Periode -  die Krüge und Schalen mit den typischen schwarz-braunen Mustern müssen zu jener Zeit in etwa so beliebt und chic gewesen sein, wie heute das gute Meißner Porzellan! Und das zeigt wiederum, wie mobil diese Menschen bereits waren - ganz ohne Auto, ja noch nicht einmal Wagen hatten sie.
Doch auch die einheimische Bevölkerung aus jener Periode war Zierrat nicht abhold: Schmuck aus Steinen wurde sowohl als Grabbeigabe von Männern wie Frauen gefunden. Und auch Piercing ist mitnichten etwas Neues: Mr. Beech zeigte das Foto eines Mädchenschädels, an welchem die Perle als Nasenpiercing noch nach Jahrtausenden intakt ist!

Bauten aus der Bronzezeit (Abu Dhabi)

"Ichthyophagen" - Fisch(fr)esser - wurde die antike Bevölkerung der heute Emiratischen Küsten von zeitgenössischen (Herodot, Plinius u.a.) wie auch späteren Historikern etwas abschätzig genannt, weil sie sich kärglich von Fischfang, dem Sammeln von Meerestieren und der Perlentaucherei ernährte und in Hütten aus Wal-Skeletten, Seetang und Muschelschalen lebte. Um Jahr Null herum war das Klima auf der Arabischen Halbinsel eben schon wesentlich trockener und unwirtlicher geworden, als das während der frühgeschichtlichen Perioden der Fall war. Eben das Bild, welches sich in den Köpfen eingenistet hat (s.o.)... - aber eben nicht immer so stimmte und natürlich vor allem heute nicht mehr stimmt.

Eine hübsche Anekdote soll den Kreis zum Beginn des Vortrags schließen. Als Dr. Mark Beech 1992 erstmals emiratischen Boden betrat und mit einem Archäologen-Team bei Ausgrabungen auf Sir Bani Yas Island begann, gruben die Forscher einen ehemaligen Gebäudekomplex aus. Erst ganz zum Schluss jedoch hatten sie sich zu den zentralen Mauern vorgearbeitet.... die sich als Kirche entpuppten!
Man hatte den Platz gefunden, der in frühchristlichen Aufzeichnungen von einem nestorianischen Kloster irgendwo an den Gestaden dieser Golf-Küste berichtet worden war - seefahrenden Handelsleuten im 6. Jh. auf dem Wege von Europa nach Indien und China bot es einst eine Raststätte für Leib und Seele.

Wer sich noch mehr in das Thema Ur- und Frühgschichte in den VAE vertiefen möchte, findet auf der Seite des Geoportals Abu Dhabi Material dazu.

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